Dieser Raum kennt keine kurzen Mahlzeiten.
Das Esszimmer · Wo Abende zu Nächten werden
Dieser Raum kennt keine kurzen Mahlzeiten.
Wer sich an diesen weissen Tisch setzt – zehn Stühle, purpurroter Samt, kalt beim ersten Berühren und warm nach einer Stunde – der bleibt. Das ist kein Vorsatz, das ist die Wirkung des Raumes. Die Decke mit ihrem Stuck, hoch genug um Geheimnisse darin zu verbergen. Die Spiegel entlang der Wände, die den Raum verdoppeln und die Gesellschaft gleich mit – plötzlich sind nicht zehn Menschen am Tisch, sondern zwanzig, dreissig, eine ganze Welt aus Gesten und Gläsern und gelöstem Lachen.
Der Kamin brennt, wenn es darauf ankommt. Und es kommt darauf an, sobald der erste Schnee fällt und die Einfahrt draussen weiss wird und die Gloriette im Garten zu einem Bild aus einem alten Weihnachtsmärchen wird. Dann zieht man die Vorhänge nicht zu. Man lässt den Winter draussen stehen und beobachtet ihn, während man drinnen die Wärme geniesst die er erst möglich gemacht hat.
Die Lampe über dem Tisch – Glas und Eisen, geschwungen wie eine Geste – gibt kein grelles Licht. Sie gibt ein Abendlicht. Das richtige Licht für Gesichter die sich entspannen, für Augen die glänzen, für Wangen die sich röten – von Wärme, von Wein, von Freude.
Wie viele Abende haben diese Stühle gesehen?
Zu viele um sie zu zählen, zu schöne um sie zu vergessen.
Der Sommer brachte Roséwein in langen Gläsern, dazu Melone mit Schinken und danach ein Lammrücken mit Kräutern aus dem Garten, der Tisch voll mit kleinen Schüsseln – Oliven, Brot, ein Tapenade, die schon am Mittag vorbereitet worden war. Das Dessert: eine Tarte Tatin, leicht verbrannt an den Rändern, wie sie sein soll, dazu eine Kugel Vanilleeis die noch vor dem Ankommen zu schmelzen begann.
Der Herbst brachte Burgunderwein, dunkel und schwer wie die Vorhänge, dazu ein Coq au vin der seit dem frühen Morgen gekocht hatte und das ganze Haus in seinen Bann gezogen hatte. Die Freunde kamen schon um sechs, obwohl das Essen erst um acht auf dem Tisch stand, und man trank Champagner auf dem Sofa und redete über alles und nichts bis jemand sagte: Ich glaube, ich rieche das Huhn.
Und der Winter. Der Winter brachte Fondue Bourguignonne, die offene Flamme in der Mitte des weissen Tisches, die Fleischstücke die langsam im heissen Öl versanken, die kleinen Schüsseln mit fünf verschiedenen Saucen, das Brot das man vergass weil man zu beschäftigt war zu reden. Danach: Käse. Immer Käse. Ein Brie der fast davonlief, ein alter Comté, hart und kristallin und nach Nuss, ein Munster der sich entschuldigte für seinen Geruch aber nicht für seinen Geschmack.
Und irgendwann in der Nacht – nach dem Essen, nach dem Dessert, nach dem ersten und zweiten und manchmal dritten Glas – setzte sich jemand ans Klavier. Das schwarze Klavier an der Wand, das tagsüber schweigt und nachts erwacht. Chopin, manchmal. Oder eine Chanson, die alle kannten und deshalb mitsangen, falsch und schön und laut. Oder einfach etwas das niemand kannte ausser dem der spielte, und alle hörten zu ohne zu wissen warum.
Auf dem kleinen Barwagen hinter dem Kamin: Cognac in einem runden Glas. Oder der Absinth – der grünliche, der hinterhältige, der einen Abend verlängert bis er nicht mehr zählt. Man trank ihn aus kleinen Gläsern, mit einem Zuckerwürfel, mit einem Tropfen Wasser, mit dem angemessenen Respekt.
Und draussen, wenn es schneite: die Gloriette. Still und weiss und wartend. Wenn die Sonne schien: der Rosenpavillon, und im Sommer die Rosen daran – rot und pink und duftend, sichtbar vom Tisch aus wenn man den Kopf drehte.
Man drehte den Kopf oft.
Dieser Tisch hat mehr gehört als ein Beichtstuhl. Er hat mehr gesehen als ein Spiegel. Und er steht noch – weiss, geduldig, bereit für den nächsten Abend.